Barrierefreiheitsbaum.
Der Barrierefreiheitsbaum ist die Struktur, die der Browser aus einer Seite ableitet und der Hilfstechnik bereitstellt; das ist die Seite, die ein Screenreader sieht.
Beim Verarbeiten einer Seite erzeugt der Browser zwei getrennte Strukturen. Die eine ist der Dokumentbaum und bildet das Markup ab; die andere ist der Barrierefreiheitsbaum und bildet die daraus abgeleitete BEDEUTUNG ab. Ein Screenreader liest die zweite, nicht die erste.
Der Unterschied ist wichtig. Nicht jedes Element des Dokumentbaums gelangt in den Barrierefreiheitsbaum: visuell verborgene Elemente, als dekorativ ausgezeichnete Bilder und ausdrücklich vor Hilfstechnik verborgene Blöcke bleiben draußen. Umgekehrt erscheint eine Schaltfläche, die im Dokumentbaum ein einzelnes Element ist, im Barrierefreiheitsbaum mit Rolle, Name, Zustand und Wert.
Das Gegenstück eines Elements im Baum besteht aus vier Feldern. Die Rolle sagt, was es ist. Der Name sagt, wie es genannt wird. Der Zustand sagt, in welcher Lage es ist. Der Wert trägt, sofern vorhanden, seinen Inhalt. Erreicht ein Screenreader ein Element, liest er diese vier typischerweise der Reihe nach.
Den Baum unmittelbar anzusehen ist möglich und einer der lehrreichsten Schritte einer Barrierefreiheitsprüfung: In den Entwicklerwerkzeugen der Browser lässt er sich als Liste öffnen. Die Seite strukturell statt visuell zu sehen bringt alles ans Licht, was CSS verbirgt oder falsch darstellt.
- Ist beim Lesen aus dem Baum verständlich, was die Seite sagt — wenn nicht, ist die Struktur unvollständig.
- Gibt es namenlose Elemente — Einträge, die als „Schaltfläche“ oder „Link“ erscheinen, ohne dass klar wird, was sie tun.
- Steht etwas im Baum, aber nicht auf dem Bildschirm — verborgene Menüs, die nie aus dem Baum genommen wurden.
- Steht etwas auf dem Bildschirm, aber nicht im Baum — versehentlich verborgener echter Inhalt.
Die letzten beiden Punkte sind Spiegelbilder voneinander, und beide erzeugen echte Mängel. Ein unsichtbares Menü, das im Baum bleibt, lässt die Nutzerin zwischen nicht vorhandenen Verweisen irren; echter Inhalt, der aus dem Baum entfernt wurde, existiert für sie schlicht nicht.
Ein weiterer Nutzen des Baums: Er zeigt, worauf automatische Prüfwerkzeuge schauen. Die meisten wenden ihre Regeln auf den Barrierefreiheitsbaum an, nicht auf den Dokumentbaum — zu einem Element, das nicht im Baum steht, geben sie also keine Warnung aus. Eine Komponente vor Hilfstechnik zu verbergen bringt auch die Warnungen dazu zum Schweigen — und die Punktzahl steigt, während sich die Lage verschlechtert.
Damit ist der Baum zugleich Prüfinstrument und Warnung: Er ist die einzige Struktur, die erklären kann, warum die Punktzahl gestiegen ist.